COVID-Skandal oder Kavaliersdelikt? Schweizer SAC Nationalteam bei Weltcupfinale ausgeschlossen

Am Rande des sportlich und organisatorisch gelungenen Weltcupfinales in Madonna die Campiglio gab es leider einen Vorfall, der auf breiter Linie für Kopfschütteln gesorgt hat. Wegen vorsätzlicher Nichteinhaltung der ISMF COVID Richtlinien wurde das Schweizer SAC Nationalteam vor dem letzten Bewerb disqualifiziert. Wir wollen hier eine möglichst vollständige Dokumentation der Geschichte und eine Einordnung versuchen.

Quer durch Nationalteams und Funktionäre geht ein ungläubiges Kopfschütteln ob der fast unwirklich anmutenden Tatsache, dass gerade die Schweizer sich die Blöße solch einer offiziellen Verfehlung gegeben haben. Wir haben in den letzten Tagen viele Telefonate geführt, Meinungen angehört und Erklärungen zu verstehen versucht. Hier liefern wir eine Aufstellung, damit sich unsere Leser ein Bild machen können.

Die Fakten

Am Samstag 27.3.2021 Abends wurde am Rande des Teamcaptainsmeetings für das Individualrennen bekannt, dass es ein schwerwiegendes Problem gibt. Eine Physiotherapeutin des SAC Nationalteams war wegen eines fehlenden negativen Corona- Tests schon deutlich früher unmissverständlich der Wettkampfstätten verwiesen worden, war jedoch immer noch in der Mannschaftsunterkunft und hatte Athleten behandelt. Ein Trainer der Schweizer verweigerte die von ISMF/LOC geforderte schriftliche Bestätigung, dass die Physio nicht mehr da wäre, worauf die Sache aufflog. Noch am Abend wurde die gesamte Mannschaft mit Sportlern und Trainern vom Wettkampf ausgeschlossen und reiste am frühen Sonntagmorgen nach Hause.

Bereits am Sonntag 28.3.2021 Vormittag entschuldigte sich der SAC in Persona GS Daniel Marbacher via Web-Eintrag, am Nachmittag veröffentlichte die SAC Pressestelle eine umfassende Presseerklärung (liegt diesem Bericht nachfolgend als .pdf bei), in der die Begleitumstände des Vorfalls sehr offen kommuniziert wurden.

Die Details

Die Physiotherapeutin war bei obligatorischen Testung in der Heimat vor der Abreise zum Weltcup am – hier muss lt. ISMF Regulativ ein maximal 72h alter negativer Test vorliegen – nach einer durchlebten Corona-Infektion noch positiv. In einer bestimmt gut gemeinten, jedoch durchaus hahnebüchenen Aktion hatte ein Arzt ihr aber bescheinigt, nicht mehr infektiös zu sein. Diese Bescheinigung wäre normalerweise bestimmt bei der Einreise nach Italien bereits zum Stolperstein geworden, eine Grenzkontrolle fand aber nicht statt. Bei der Akkreditierung in MdC fiel das irreguläre Konstrukt jedoch sofort auf, und die Dame wurde unmittelbar aufgefordert, wieder abzureisen. Für die Umsetzung verantwortlich gemacht wurde das Schweizer Betreuerteam.

In den Tagen darauf ist die Dame allerdings auf Basis einer Initiative aus dem Trainerteam als „U-Boot“ in MdC geblieben und hat offenbar auch Athleten aus dem 21-köpfigen Sportler-Team der Schweizer behandelt. Zwar war die spezielle Situation nicht ganz unbemerkt geblieben – dafür sprechen mehrere Hinweise – aber erst am Samstagabend, als mit Nachdruck von ISMF/LOC eine schriftliche Bestätigung für die Abreise der Dame verlangt und von einem Trainer verweigert wurde, ist die Bombe geplatzt.

Der sofortige Ausschluss der gesamten Delegation mit Abreise am nächsten Morgen kam der von der ISMF für positive Corona- Fälle vorgesehenen Selbst-Quarantäne zuvor.

Der SAC hat in direkter Absprache mit der ISMF in jeder Hinsicht die volle Verantwortung übernommen, stellt sich als Organisation vor seine Mitarbeiter und Sportler für eine interne Untersuchung und wird – das wurde uns versichert – auch keine sportrechtlichen Mittel gegen die Entscheidung der ISMF anwenden.

Die offenen Fragen

Die an sich lobenswert gute Kommunikation des SAC mittels Presseaussendung lässt einige wichtige Fragen unbeantwortet.

  • Die Frage nach dem Beweggrund für die vorsätzliche Vertuschung des positiven Tests steht natürlich ganz oben. War es Ignoranz, Arroganz, Leichtsinn oder Naivität? Klar ist, dass nach der Aufforderung von ISMF/LOC hier klarer Vorsatz mit dem Ziel der Vorteilsgewinnung im Spiel war.
  • Wer hat die Entscheidungen getroffen und wer hat davon gewusst? Wir haben versichert bekommen, dass in der SAC-Zentrale in Bern die Info am Samstagabend erstmals aufgeschlagen ist. Vor Ort waren aber mehrere Trainer, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass diese nicht alle über den nicht vorhandenen negativen Test Bescheid wussten. Aber ob die Rückweisung bei der Akkreditierung breiter bekannt wurde, ist unklar.
  • Auch wie man in MdC, das ja auch für die Touristen gesperrt ist und wo die Zahl der Gesichter somit überschaubar ist, „untergetaucht“ arbeiten kann, ist nicht ganz logisch zu erklären.
  • Warum die Abreise der betroffenen Dame nicht konsequenter kontrolliert wurde, diese Frage muss sich die ISMF/LOC gefallen lassen. Vorschriften zu machen ist das eine, sie bis in die letzte Konsequenz umzusetzen, das andere. Schutz der Persönlichkeitsdaten ist oberste Priorität, wenn aber gesundheitliche Gefährdung zu befürchten ist, dann muss ganz offen und direkt gearbeitet werden.
  • Am Ende bleibt die sportliche Frage: die Schweizer Athleten wurden um Punkte, Ränge und Gesamtweltcupplatzierungen gebracht, die Reputation und das Vertrauen in sie als Team erschüttert. Sollten die Sportler keine Mitwisser sein, ist hier wohl eine Entschuldigung zu wenig. Wie kann man so eine Breitseite gegen den Sport wiedergutmachen?

Die Konsequenzen

Der Ausschluss der Schweizer Delegation war sicherlich ein richtiger Schritt von ISMF/LOC und angesichts des Vorsatzes hinter dem Vorfall undiskutiert nötig. Auch die Übernahme der vollen Verantwortung durch den SAC ist richtig und wichtig.
Auf zwei Ebenen kann damit aber wohl noch nicht zur Tagesordnung übergegangen werden:

  • Der SAC wird nach lückenloser Aufklärung der Entscheidungskette festlegen müssen, wie mit der Verfehlung umgegangen wird. Natürlich war es erstmals, und Fehler machen alle….aber hier war klarer Vorsatz und das Hinwegsetzen über Anordnungen im Spiel. Und es kommt noch was dazu: die COVID Vorschriften sind keine „normalen“ Sportregulative, bei denen es „nur“ um Fairness geht. Hier geht’s um eine Krankheit, die bei laschem Umgang zu gesundheitlichen Konsequenzen von Unbeteiligten führen kann.
  • Die ISMF wird nicht darum herumkommen, die vorhandenen COVID Richtlinien einem Review-Prozess zu unterziehen und vor allem die konsequente Umsetzung in den Fokus zu nehmen. Wir alle hoffen, dass der Virus in der kommenden Saison weg ist. Aber es wird immer wieder aus Vorschriften resultierende Entscheidungen geben, und Legislative braucht immer auch Exekutive und Judikative. Eine Überarbeitung des Strafenkatalogs für organisatorische Verfehlungen kann eine Konsequenz sein, um Sportler vor Kollektivstrafen für Verfehlungen außerhalb ihres Bereichs – wie soeben erfolgt – zu schützen. Denn um die Sportler geht’s am Ende.

Fazit

Die Aufregung war am vergangenen Wochenende groß, solch organisatorische Verfehlungen hat es noch nie im Skibergsteigen gegeben. Ein Skandal?
Bei ruhiger Betrachtung mit ein paar Tagen Abstand schauts aber nicht mehr so dramatisch aus, es geht offenbar um Fehler einzelner, wenngleich auch mit großer Energie und klarem Vorsatz.
Der Fehler wurde erkannt und es besteht die Möglichkeit, für die Zukunft daraus zu lernen und die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass sowas nicht möglich ist oder die Versuchung gar nicht entsteht.
Wirklich schade ist es nur für die Schweizer Athleten, denn die für sie verlorene Weltcup- Gesamtwertung 2021 kann keine Maßnahme wieder zurechtrücken.

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