Pierra Creta – das südlichste Skimo Rennen Europas und ein einzigartiges Erlebnis

Was macht man mit seinen Tourenskiern im März auf Kreta? Eine Frage, die sich nicht nur mein Umfeld gestellt hat, sondern auch die Menschen am Flughafen in Heraklion auf Kreta, wenn man seinen Skisack vom Gepäckband nimmt und Richtung Ausgang geht. Dass über 200 Skibergsteiger aus ganz Europa und Griechenland anreisen, um bei der Pierra Creta dabei zu sein – dem südlichsten Skitouren Rennen in Europa – ist in diesem Moment nicht vorstellbar. Und beim Genuss der warmen Frühlingstemperaturen ist es auch kaum zu glauben, dass es auf Kreta überhaupt Schnee gibt. Aber vom 03. bis 04. März wurde ich und über 200 Starter eines Besseren belehrt!

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Als die Anfrage kam, ob jemand aus dem SKIMO Austria Team zur Pierra Creta fliegen möchte, war das Staunen groß. Ein Skitourenrennen auf Kreta? Gibt es dort überhaupt Schnee? Nach einer ersten schnellen Recherche auf Google war klar: Ja, es gibt dort jede Menge Gipfel mit bis zu 2.500 hm und auch jede Menge Schnee. Warum also nicht?

Pierra Creta – ein Team-Individualrennen mit alpinem Charakter

Die Pierra Creta findet alle zwei Jahre statt und ist ein Team-Individualrennen, bei dem es je nach Strecke entweder 900 hm oder 1.800 hm im alpinen Gelände des Psiloritis Nationalparks zu bewältigen gilt. Viele mögen dies belächeln, aber Tatsache ist, dass es sich um ein alpines Gelände handelt, bei dem Harscheisen und Steigeisen (zumindest für die lange Strecke) auf Grund des anspruchsvollen Geländes verpflichtend sind und die Route den Athleten durchaus technische Fertigkeiten und Können abverlangt. Absolut vergleichbar mit jedem Individual, das wir aus Österreich, Deutschland oder Italien kennen.

Besichtigung der Strecke bei strahlend blauem Wetter

Am Samstag vor dem Rennen war erst einmal Besichtigung der Strecke und ein erstes Kennenlernen des Pierra Creta Teams und der anderen Teilnehmer angesagt. Von Axos, dem Dorf wo die meisten Athleten gewohnt haben, konnte ich nicht glauben, dass wir heute tatsächlich noch Schnee sehen. Eine knapp 45-minütige Autofahrt später, traute ich meinen Augen kaum: wunderschöne, weiß-überzogenen Berge, perfekt glaciert, wie Baiserhauben. Rundherum tummelten sich auch immer mehr Skibergsteiger, zusammen gekommen aus ganz Europa: Norwegen, Österreich, Deutschland, Dänemark und natürlich Griechenland. Alle mit dem selben Ziel, am nächsten Tag bei der Pierra Creta an den Start zu gehen. Viele sind auch schon einige Tage früher angereist, um die ewigen Weiten mit den Ski zu erobern und die breiten Hänge in der Abfahrt zu genießen.

Auch für die jungen Griechen war am Samstag ein wichtiger Tag. Die Kinder aus den umliegenden Dörfer standen in der heurigen Saison das erste Mal auf zwei Bretter, haben Ski fahren gelernt und durften ihr großes Abschlussrennen bestreiten. Es war unglaublich schön erleben zu dürfen, wie motiviert die Kinder waren, die ohne Skilifte, die Ski in ihren Händen, die Hänge hochstapften, um beim Rennen und vor ihren Eltern stolz die neu erworbenen Skifähigkeiten unter Beweis stellen zu können. Das Strahlen ihrer Augen sprach Bände. Dass die jungen Skifahrer für uns (Österreicher) ein völlig veraltetes Material haben und ihre Jeans kurzerhand zur Skihose umfunktioniert wurde, ist absolut nebensächlich. Es zählt ihre Motivation und die Idee, Skifahren als neue Leidenschaft in den Köpfen der Kinder zu verankern. Für die ältere Generation der Griechen ist dies unvorstellbar, im Winter in die Berge zu gehen. Die Jüngeren sehen langfristig durchaus Potential, Kreta als Winterparadies zu positionieren.

Safety first – LVS Training mit Arva

Gemeinsam mit dem LVS Hersteller Arva gab es am Besichtigungstag Workshops zum Thema Lawinensicherheit. Vor allem die heimischen Kinder, die das erste Mal über die weißen Gefahren im Schnee informiert wurden und ein LVS-Set bestehend aus Verschüttetensuchgerät, Sonde und Schaufel in den Händen hielten, lernten spielerisch den Umgang damit. Das Team von Arva stellte aber auch am Renntag mit einem LVS-Checkpoint sicher, dass jeder Rennläufer mit einem funktionierenden LVS-Gerät unterwegs ist. Nicolas Barrucand und Lien Schellens von Arva waren begeistert von der schnellen Auffassungsgabe der Kiddies:

Nicolas Barrucand und Lien Schellens von Arva

Renntag bei widrigsten Bedingungen

Wie leider so oft, war auch den Griechen der Wettergott nicht gnädig, und just am Renntag regnete es von der Früh weg und die Sicht war auf Grund des dichten Nebels gleich Null. Mit Verzögerung wurde aber das Rennen freigegeben und so machten sich über 200 Teilnehmer auf zum Start. Bisher gestaltete sich der Rennverlauf von der Besichtigung, über das Briefing am Abend und zum Eintreffen der Athleten beim Start wie bei jedem österreichischen Rennen auch. Doch schnell war klar, Griechenland ist anders: entspannter, flexibler und mutiger. Nachdem der Start mehrmals nach hinten verschoben wurde, wurde es nach fast zwei Stunden warten endlich ernst. Alle Teams versammelten sich an der Startlinie. Doch bevor tatsächlich gestartet wurde, spielte ein musikalisches Trio erst noch ein paar Lieder, begleitet vom Pastor, der ebenfalls noch ein Lied sang und einer Sirtaki-tanzenden Volkstanzgruppe. Dies nur wenige Minuten vor dem Start und unmittelbar vor den bereits fix fertig positionierten Rennläufern. Ein Ding der Unmöglichkeit in Österreich? Nicht aber in Griechenland!

Dann endlich der Countdown: noch 30 Sekunden bis zum Start. Das Startband wurde gesenkt, jedoch nicht, um den Start frei zu geben. Auf Grund des dichten Nebels und Graupelschauer wurde der Start abermals verschoben. Was mich besonders faszinierte – es gab kaum ein Raunen unter den Teilnehmern. Entspannt verließen alle den Startraum, genossen die bereits aufgebauten lokalen Speisen und Getränke, zauberten sogar einen Volleyball hervor. Im Handumdrehen versammelten sich mehrere Athleten und stellten im Schnee ihre Volleyballtalente unter Beweis. Trotz des langen Wartens war die Stimmung top, wie auch die Interviews mit den deutsch-österreichischen Teams rund um Irina Andorfer, Sales Manager Dynafit DE/AT, und Florian Großegger von Bergzeit.at beweisen:

Irina Andorfer, Sales Manager Dynafit AT/DE

Florian Großegger mit seinem Bergzeit.at Team

Constantinos, der 17-jährige Lokalmatador, freut sich auf das Rennen

Startversuch der Zweite

Um 12:30 Uhr (statt wie geplant um 10 Uhr) wurde dann tatsächlich gestartet. Das Wetter hat sich nicht gebessert, aber die Veranstalter waren zuversichtlich, dass es die Athleten auf der verkürzten Strecke (für alle) heil schaffen werden. Eine Entscheidung, die in unseren Breitengraden anders ausgesehen hätte und vermutlich zu einem Abbruch des Rennens geführt hätte. Auch hier hat sich ein weiteres Mal gezeigt: Griechenland ist anders!

Dank der zahlreichen Unterstützer vor Ort (unter anderem vier lokale Mountaineering Clubs, dass Rote Kreuz und der Greek Emergency Response Unit EMAK) konnte das Rennen ohne Zwischenfälle durchgeführt werden. Von allen Teilnehmern gab es ein riesen Lob, dass trotz der eingeschränkten Sicht, die Strecke bestens mit Fahnen ausgesteckt war und es zu keinem einzigen Zeitpunkt unsicher war, wo man hin muss. Hut ab vor den Veranstaltern, die dieses Rennen perfekt organisiert und durchgeführt haben – sind doch zahlreiche Athleten extra wegen dem Rennen angereist und haben eine etwas längere Anreise in Kauf genommen.

Das Gewinnerteam „Sellaronda“ aus Südtirol

Team Dynafit mit Sibylle, Irina & Alessa aus Österreich/Deutschland

Team Bergzeit aus Deutschland

Team Skittendind Rando mit Kristoffer & Manu aus Norwegen

Team Arva mit Nico & Lien aus Frankreich

Eine weitere Besonderheit beim Pierra Creta Individual ist, dass man als Team (zu zweit oder zu dritt) startet. Im Vordergrund steht bei den wenigsten der Gedanke zu siegen, sondern viel mehr die Gemeinschaft: gemeinsam einen tollen Tag in den Bergen zu verbringen und es gemeinsam ins Ziel zu schaffen, egal wie lange man dafür braucht. Vor der letzten Abfahrt gab es noch einen obligatorischen Raki, um auf ein tolles Rennen, die Gemeinschaft und eine verletzungsfreie Abfahrt anzustoßen. Kurt Gronister aus Niederösterreich, der bereits zum zweiten Mal bei der Pierra Creta gestartet ist, konnte mit seinem ihm zugeteilten, griechischen Teampartner, eine tolle Erfahrung sammeln. Sein Partner Leas stand zum dritten Mal auf Tourenski:

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen – ein Hoch auf die Gemeinschaft

Egal aus welchem Land man zur Pierra Creta kommt, eines ist schnell klar, wenn man vor Ort ist: die griechische Skimo-Community ist unglaublich herzlich, aufgeschlossen und bemüht, ihre wunderschönen Berge uns Alpenbewohner schmackhaft zu machen – was ihnen zu 100 % gelungen ist. Im Vordergrund steht immer die Gemeinschaft. Dies bestätigt auch Simula Paraschaki aus dem Pierra Creta Organisationskomitte:

Die drei umliegenden Dörfer präsentieren sich vom Feinsten, waren äußerst gastfreundlich und an Essen und Trinken fehlte es zu keiner Zeit. Egal ob beim Briefing, vor dem Rennen, im Zielraum oder bei der großen Abschlussparty am Abend (dem offiziell zweiten Teil des Rennens). Bei Gegrilltem, griechischen Köstlichkeiten, jeder Menge Wein, guter Live-Musik und Sirtaki-Runden bis in die frühen Morgenstunden fand der Renntag einen würdigen Abschluss in der griechisch-europäischen Skibergsteigerszene.

Pierra Creta 2021 – SKIMO Austria ist dabei

Zu Beginn meiner Reise nach Kreta wusste ich nicht, was mich erwarten wird, doch soviel steht fest: Skibergsteigen auf Kreta und die Pierra Creta sind definitiv anders als jede Skitouren-Destination und jedes Rennen bei uns im Alpenraum. Die Pierra Creta ist nicht nur ein Muss für ambitionierte Hobbyläufer, sondern vor allem eine einzigartige Gelegenheit für alle genussorientierten Skitourengeher, die Spaß am Sport haben.

Es war ein abenteuerliches Wochenende, mit vielen neuen Erfahrungen, neuen Kontakten und ein sensationell motiviertes Pierra Creta Team, deren Spirit ich nicht wieder vergessen werde. Danke, für ein tolles Wochenende! Wir sehen uns mit einem verstärkten SKIMO Austria Team am Start 2021!

Und allen, denen auf Grund der einzigartigen Winterlandschaft jetzt das Wasser im Mund zusammenrinnt und motiviert sind, sich für die Pierra Creta 2021 anzumelden: hier gibt es mehr Informationen, Bilder und Videos:

Facebook: https://www.facebook.com/pierracreta

Pierra Creta Website: https://pierracreta.gr

Ein weiterer Bericht über Skitouren-Möglichkeiten auf Kreta folgt, denn hier gibt es spannende Ansätze, Entwicklungen und Visionen.

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