Olympia Bormio – Sprintbewerb der Damen: Marianne Fatton schreibt Geschichte als erste Olympiasiegerin im Skibergsteigen
Bormio erlebte am Donnerstag einen Meilenstein für den Wintersport. Bei starkem Schneefall auf der legendären Stelvio-Piste schrieb die Schweizerin Marianne Fatton Geschichte als erste Olympiasiegerin im Skibergsteigen. In einem hochspannenden Sprint-Finale der Frauen bei den Olympischen Winterspielen Milano Cortina, das die großen Erwartungen im Vorfeld voll erfüllte, setzte sich Fatton in 2:59,77 Minuten gegen ihre langjährige Rivalin und Favoritin Emily Harrop durch und sicherte sich Gold. Spaniens Ana Alonso Rodriguez gewann nur vier Monate nach einem Unfall, bei dem sie sich das vordere Kreuzband (ACL) im linken Knie riss, eine sensationelle Bronzemedaille.
Fattons Sieg war eine Meisterklasse in Präzision und taktischer Geduld. Während die Französin Harrop in den morgendlichen Qualifikationsläufen nahezu unantastbar wirkte und sowohl ihren Vorlauf als auch ihr Halbfinale souverän dominierte, entschied sich das Finale im „Diamond“-Abschnitt sowie in den Wechselzonen – jenen hochdruckbelasteten Sekunden, in denen Skimo-Rennen gewonnen oder verloren werden.
Harrop führte zunächst, doch im zweiten Wechsel kippte das Rennen dramatisch. Fatton übernahm mit einem blitzschnellen „Felle-ab“-Manöver die Spitze, verließ den Aufstieg mit einem knappen Vorsprung und verteidigte diesen mit einer mutigen, aggressiven Linie in der verschneiten Abfahrt. Harrop überquerte etwas mehr als zwei Sekunden später die Ziellinie und gewann Silber (+2,38).
Der Kampf um den letzten Podestplatz schrieb jedoch eine der bemerkenswertesten Geschichten der Milano-Cortina-Spiele. Spaniens Ana Alonso Rodriguez sicherte sich Bronze (+10,45) – ein Ergebnis, das noch vor wenigen Monaten medizinisch kaum vorstellbar schien. Nur 14 Wochen vor ihrem Auftritt auf dem olympischen Podium wurde sie bei einem Trainingsunfall von einem Auto erfasst und erlitt einen Riss des vorderen Kreuzbandes im linken Knie. Um ihren Olympiatraum zu wahren, verzichtete sie auf eine sofortige Operation und kämpfte sich mit enormer Willenskraft und perfekter Abfahrtstechnik durch das Feld. Lange Zeit auf Rang vier oder fünf liegend, gelang ihr im letzten Wechsel ein fehlerfreier Ablauf, der sie auf Platz drei brachte. Auf der Zielgeraden hielt sie die Deutsche Tatjana Paller knapp hinter sich. Es ist erst die sechste Winter-Olympiamedaille in der Geschichte Spaniens – und ein eindrucksvolles Zeugnis ihrer Widerstandsfähigkeit.
Der Weg ins Finale war eine echte Bewährungsprobe für die Weltelite. Das erste Halbfinale entwickelte sich zur „Todesgruppe“ mit den drei späteren Medaillengewinnerinnen sowie Norwegens Nachwuchssensation Ida Waldal, die als Lucky Loser weiterkam. Das Tempo dieses Laufs war so hoch, dass es das zweite Halbfinale deutlich übertraf. Dort qualifizierten sich Frankreichs Margot Ravinel und Deutschlands Tatjana Paller für das Finale, während die heimischen Hoffnungen Giulia Murada und Alba De Silvestro ihre Podiumsträume vor einem enttäuschten, aber unterstützenden italienischen Publikum begraben mussten.
Die Vorläufe
Der Weg in das historische Finale führte über drei intensive Vorläufe, in denen 18 Athletinnen aus aller Welt um den Einzug in die nächste Runde kämpften.
Im ersten Lauf setzte Emily Harrop mit einem souveränen Sieg ein klares Zeichen, gefolgt von Deutschlands Tatjana Paller und Spaniens Maria Costa Diez. Auch Marianna Jagercikova (SVK), Johanna Hiemer (AUT) und Lara Hamilton (AUS) gingen auf der 725 Meter langen Strecke an ihre Grenzen. Leider hatte Johanna Hiemer ein Missgeschick – sie rutschte auf den Stufen der Tragepassage aus und verlor wertvolle Zeit, rückte nicht in das Halbfinale auf.
Im zweiten Lauf demonstrierte Marianne Fatton früh ihre Schnelligkeit und führte ein Feld an, zu dem auch die italienische Lokalmatadorin Giulia Murada, Margot Ravinel (FRA) und Alba De Silvestro (ITA) gehörten. Helena Euringer (GER) und Iwona Januszyk (POL) komplettierten das Starterfeld.
Im dritten Lauf traf Ana Alonso Rodriguez auf die Schweizerin Caroline Ulrich, Norwegens Ida Waldal und Anna Gibson (USA) sowie Cidan Yuzhen (CHN) und Rebeka Cully (SVK), die sich im Schneetreiben am Stelvio Ski Centre behaupten mussten.
In den beiden Halbfinals erreichte die Wettkampfintensität ihren Höhepunkt; das Feld wurde auf sechs Athletinnen reduziert. Im ersten Halbfinale setzte sich Harrop erneut durch, knapp vor Alonso Rodriguez und der jungen Schweizerin Caroline Ulrich. Ida Waldal, Anna Gibson und Maria Costa Diez schieden trotz starker Leistungen aus.
Im zweiten Halbfinale war das Niveau ebenso hoch: Giulia Murada gewann vor Fatton und Tatjana Paller, die sich beide direkt für das Finale qualifizierten. Für Margot Ravinel, Alba De Silvestro und Marianna Jagercikova endete hier die olympische Reise – und die Bühne war bereitet für das dramatische Finale um die erste olympische Skimo-Goldmedaille.
Während der Schnee weiter über Bormio fiel, zeigte dieses Premierenfinale eindrucksvoll, dass Skibergsteigen auf die größte Bühne der Welt gehört. Es vereinte alles, was die olympische Idee ausmacht: packende Rennen, eine authentische Bergkulisse, technische Brillanz und eine außergewöhnliche Außenseitergeschichte. Für Marianne Fatton ist Gold die ultimative Krönung einer Karriere an der Weltspitze – nun offiziell unter den Olympischen Ringen anerkannt. Für Skimo war es ein Debüt, das beim weltweiten Publikum einen bleibenden Eindruck hinterlassen dürfte.

Bilder und Text: ISMF Presseservice

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